Konsumästhetik

Formen des Umgangs mit käuflichen Dingen

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Forschungsprojekt von Prof. Dr. Moritz Baßler

Marken in der Popmusik

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Popmusik gilt, besonders in der Konsumkultur westlicher Überflussgesellschaften, als der Soundtrack unseres Lebens. Aber wie viel Konsum kommt im Pop überhaupt vor? Wie viele Markennamen gibt es im Oeuvre der Beatles (Antwort: 2)? Oder Led Zeppelins? Oder der Talking Heads?

In charakteristischem Gegensatz zu den Pop-Künsten Pop Art und Popliteratur ist die ausdrückliche Repräsentation von Marken in der Popmusik erstaunlich selten – ein Eindruck, der z.B. vom American Brandstand (2004) auch quantitativ bestätigt wird. Sie weist darin also eher eine Parallele zur Hochliteratur ebenso wie zum Schlager auf – obwohl sie, nicht zuletzt in den anderen Künsten, geradezu als das Flaggschiff einer konsumnahen Kunst namens Pop gilt und popkulturellen Szenen ihr Zentrum gibt („Um käufliche Kulturgegenstände herum wird eine mehr oder weniger von diesen Gegenständen begünstigte Semantik errichtet, die eine Gruppe für verbindlich erklärt“, D. Diederichsen: Der lange Weg nach Mitte. Köln 1999, 282). In der Beschäftigung mit diesem Phänomen fragt das Projekt nach dem von der Popmusik immanent aufgerufenen semiotischen Horizont, der offenbar gerade im Gegensatz zu ihrer Außenwirkung steht. Markennamen in literarischen Texten sind besondere Schnittstellen von Text und Diskurs. Weil die Markenimages von den Firmen kontrolliert werden, rufen sie Bilder, Slogans, Töne und Gefühle auf, einen Assoziationskomplex, der im Text selbst nicht neu geschrieben werden kann (R. Barthes). Wenn man Marken mit W. Ullrich als Träger von Fiktionen versteht, könnte man hier gleichzeitig von einem Konkurrenzverhältnis in Sachen Fiktionshoheit sprechen. Wer entscheidet über die Darstellung von Realität, aber auch über den Entwurf von Wunschwelten, wer formuliert unser Begehren – der Autor, und sei es des Popsongs, oder die kapitalistische Industrie?

Dabei werden Aspekte wie die Nachfrage nach ‚Authentizität’, die auch popmusikalische Angebote bedienen, nach Gattungsmustern (Lyrik, Song) und der Reflexion der eigenen Warenförmigkeit von Pop zu untersuchen sein. Als besonders ergiebig im Sinne einer Konsumästhetik dürfte sich dabei die Auswertung der Ausnahmen erweisen, von den eigentümlichen Levi’s-Jingles von Jefferson Airplane und dem Konzeptalbum The Who Sell Out (beides 1967) bis zum HipHop mit seiner katalogartigen Aufzählung von Luxusmarken. Aber auch nationale Unterschiede im globalen popkulturellen Feld sind aufschlussreich: Beispielsweise kommen Automarken zwar in amerikanischer Rockmusik schon seit dem Rock’n’Roll relativ häufig vor und wirken dort ‚natürlich’, also unmarkiert, in deutschen Songs dagegen sind Markennennungen, auch von Autos, überaus auffällig und wirken zumeist eher albern. Die Regeln der Ästhetisierbarkeit von Markenprodukten im Medium Popmusik sind offenkundig komplex; ihre Erforschung verspricht neue Aufschlüsse über das kulturpoetische Wechselspiel von Medium, Gattung und Diskurs zu geben.



Im Rahmen des Teilprojekts:

Popmusik als Marke
Marken in der Popmusik



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