Konsumästhetik

Formen des Umgangs mit käuflichen Dingen

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Forschungsprojekt von Prof. Dr. Heinz Drügh

Der Supermarkt – zentraler Ort der Moderne

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Der Supermarkt ist nach der einflussreichen Bestimmung von Marc Augé das prototypische Beispiel für ein ‚Non-Lieu‘, einen Ort im urbanen und suburbanen Raum, der durch das Fehlen von Geschichte, Identität und Kommunikation gekennzeichnet ist und mithin das Gegenteil einer sozietätsgenerierenden Öffentlichkeit darstellt. Die Künste haben schon früh den ästhetischen Reiz dieses Ortes wahrgenommen, beispielsweise Zolas Kaufhausroman Au Bonheur des Dames, der die rauschhaft-akribische Wahrnehmung der Waren mit naturalistischen Deskriptionsverfahren engführt. Der Film nimmt sich ab den 1910er Jahren in erstaunlicher Vielzahl dem Warenhaus als einer Art Seinesgleichen an, als Exponenten einer Moderne, die von einer commodified visual mobility geprägt wird. Ladenpassagen, Flanerie, window shopping, Warenhäuser oder shopping malls markieren eine öffentliche Sphäre, die zentral durch Faktoren wie Visualität, Beweglichkeit und Käuflichkeit geprägt sind. Mit dem (Wieder-)Erstarken der Kulturkritik an der schier erschlagenden Menge käuflicher Dinge, wie sie der Supermarkt beherbergt, wird die Darstellung des Warenhauses einerseits mehr und mehr mit Zügen der komischen Groteske versehen (z.B. Chaplins Modern Times) bis hin zur Material- beziehungsweise Körperschlacht des kapitalismuskritischen Horrorfilms wie Romeros Dawn of the Dead. Andererseits finden sich auf der Rückseite des Überflusses und Überdrusses immer wieder auch per Singularisierung vollzogene Auratisierungen der Ware – beispielsweise der Volleyball der Marke Wilson in Robert Zemeckis‘ Cast Away. Es scheint, als habe sich die neueste Literatur vom filmischen Interesse am Sujet Supermarkt anstecken lassen. So ist dessen grotesk-komisch Darstellung in Olga Flors multiperspektivisch-katastrophischem Kollateralschaden mit David Wagners Proustischer Supermarkt-Erinnerungsarbeit Vier Äpfel zu konfrontieren, ebenso mit Albrecht Selges flanierendem Mall-Roman Wach oder mit Leif Randts Schimmernder Dunst über Coby County. Mall und Supermarkt sind demzufolge nicht vorbehaltlos als ‚Non-Lieus‘ zu verdammen, sondern durch die Analyse ihrer filmischen und romanhaften Medialisierungen als reiche Zeichenarsenale auf ihren semantischen, semiotischen und sozialen Sinn zu befragen.



Im Rahmen des Teilprojekts:

Künsterlische Verhandlungsformen
des Konsums



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