Konsumästhetik

Formen des Umgangs mit käuflichen Dingen

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Publikation

HAMSTER HIPSTER HANDY

Bilder-Geschichten zum Mobiltelefon
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Das Mobiltelefon ist nicht nur Gegenstand des täglichen Gebrauchs, sondern ein, wenn nicht das zentrale Objekt der Dingkultur der Gegenwart. Die Ubiquität von Handys und Smartphones erscheint überdeutlich. Mit ihren vielfältigen semantischen Codierungen gehören sie zu den bedeutsamsten Artefakten im Sachinventar von Individuen und beherrschen nicht nur den Alltag, sondern beeinflussen auch künstlerische und gestalterische Handlungsfelder.

Die in diesem Band versammelten künstlerischen Arbeiten waren Teil der Ausstellung Hamster Hipster Handy. Im Bann des Mobiltelefons, die vom 25. April bis 5. Juli 2015 im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt am Main zu sehen war. Es sind Gedankenspiele und Bilder-Geschichten, internationale Gegenwartskunst, Design, Alltagskultur und populäre Medien zu Formen des Umgangs mit dem Mobiltelefon.

Die Ausstellung sowie die vorliegende Publikation sind im Rahmen des interdisziplinären Forschungsverbunds Konsumästhetik – Formen des Umgangs mit käuflichen Dingen entstanden und wurden gefördert von der VolkswagenStiftung.

Als sogenanntes „Kulminationskonsumobjekt“ bzw. Schlüsselobjekt des Konsums steht das Handy im Zentrum eines vernetzten Dinguniversums, das einerseits eine Fülle weiterer Objekte nach sich zieht, andererseits sowohl globale Praktiken als auch kulturelle Besonderheiten generiert. Im Fokus der Betrachtung steht das Handy mit seinen Klingeltönen und Softwareapplikationen, mit seinem Einfluss auf unser alltägliches Handeln und Sein, als Kommunikationskanal oder bilderzeugender Apparat ebenso wie als Objekt der Begierde und des Besitzes, als ubiquitäre Ware und hochtechnologisches Tool, als Gegenstand zahlreicher Ästhetisierungen und emotionaler Überhöhungen.

Das Projekt Hamster Hipster Handy ist ein Versuch, das Mobiltelefon als polarisierendes Konsumobjekt aus kulturwissenschaftlicher und auch künstlerischer Perspektive zu beleuchten. Hipster und Hamster stellen hierbei zwei geeignete Leitfiguren dar, mit deren Hilfe das ebenso komplexe wie ambivalente Dinguniversum mitsamt seinen anhängigen Diskursen aufgespannt wird. So sind sie probate Figuren, um Aspekte wie die Verschiebung des Handy-Images von einem schädlichen zu einem nützlichen, gar unverzichtbaren Gegenstand des alltäglichen Gebrauchs zu veranschaulichen. Mit Blick auf die um die Jahrtausendwende durchgeführten Handystrahlentests an Nagetieren symbolisiert die Figur des Hamsters in diesem Zusammenhang die negativen Merkmale des Mobiltelefons. Der Hamster steht somit stellvertretend für die globalen Auswirkungen des sorglosen Umgangs mit Ressourcen, zum Teil Seltenen Erden, die künftig in bedrohliche Verteilungskämpfe münden könnten. Eine mangelnde Nachhaltigkeit, wie sie Elektroschrott-Müllberge in Afrika bezeugen. Thematisiert werden auch globale Ortungs- und Überwachungsmöglichkeiten sowie deren politische Aspekte. Am Beispiel des Hamsters lässt sich ebenso die Verlagerung kultureller Praktiken in die digitale Simulation verdeutlichen: So geht die Präferenz von Kindern zunehmend weg von realen Haustieren hin zu Smartphones, die dann bei Bedarf mit einem virtuellen Haustier besiedelt werden können. Demgegenüber steht der Hipster als affirmative Konsumfigur des 21. Jahrhunderts. Er repräsentiert eine neue Kultur des mobilen Bildermachens sowie die damit einhergehenden unbegrenzten Möglichkeiten der persönlichen Selbstdarstellung, die wiederum an kulturell-soziale Konventionen und Vorgaben wie Ethnie, Klasse und Geschlecht gebunden sind.

Das Smartphone ist ein zentraler Konsumvermittler und ein Gegenstand, der Lebensgewohnheiten grundlegend verändert und neue Handlungskulturen ausprägt hat, beispielsweise in der Verwendung als Instrument, um Dinge der materiellen Welt über mobile Bilder und Videos teilen zu können. Dies lässt sich am besten in den Epizentren des Social Web, z.B. auf YouTube, Flickr oder Instagram nachzeichnen. So führt die mobile Bildproduktion und -distribution zu neuen künstlerischen Formen, aber auch zu der Herausbildung bestimmter Bildphänomene und Abbildungskonventionen wie etwa der Fotografie des eigenen Essens, rubriziert unter dem Hashtag #foodporn.

Smartphones vereinen eine Vielzahl von Funktionen in einem Gegenstand und gehen damit weit über die telefonische Kommunikation hinaus. Die Verwendung von Armbanduhren, Taschenkalendern, Fahr- und Stadtplänen, Fotoapparaten u.a. wurden durch das Smartphone stark verändert oder teilweise sogar vollends obsolet. Wie wir Lebenszeit gestalten und organisieren, wie wir uns räumlich orientieren und auf welche Weise wir Fotografien und Videos einsetzen, ist heute wesentlich durch Mobile Devices bedingt. Die von dem Medienphilosophen Vilém Flusser 1991 beschriebene Geste des Telefonierens hat grundlegende Veränderungen erfahren: So wurde zum Beispiel das Drücken der Tasten mit der Fingerspitze mittlerweile durch den über die Oberfläche navigierenden Wischfinger abgelöst. Des Weiteren bringt der enorme Energiebedarf die permanente Suche nach Stromquellen mit sich; auch dies zeigt, wie sehr das Smartphone unser Alltagshandeln bestimmt.

Die in diesem Band versammelten künstlerischen Arbeiten bieten einen visuellen Streifzug durch das Universum des Kultur- und Konsumobjekts Mobiltelefon. Präsentiert werden u.a. Fotografien, interaktive Installationen, Videokunst, Malerei und Street-Art von bildenden Künstler_innen und Designer_innen, welche durch Artefakte der materiellen Alltagskultur – beispielsweise Objekte aus dem Jugendkulturarchiv Frankfurt (Privatsammlung Birgit Richard an der Goethe-Universität, Frankfurt am Main) – ergänzt werden. Um die kulturelle Bedeutung dieses Konsumobjekts aus verschiedenen Richtungen betrachten zu können, werden darüber hinaus populäre Alltagsmedien befragt. Der westeuropäische Kulturraum steht hierbei im Fokus, interkulturelle Ausflüge dienen als Kontrastfolie.

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